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Jun
09

Putnam – contra Identitätstheorie, pro Funktionalismus

Hilary Putnam beschäftigt sich in seinem 1967 erschienenen Text “The Nature of Mental States” mit der Identitätstheorie und Alternativen zur Konzeption des psycho-physischen Verhältnisses. Er geht der Frage nach, ob Schmerz ein Gehirnzustand ist, verneint sie und bietet die Alternative, Schmerz als funktionalen Zustand zu betrachten. Ich werde nun seine Argumentation gegen die Identitätstheorie sowie für den Funktionalismus darlegen.

Die Identitätstheorie besagt, dass mentale Zustände mit neuronalen Zuständen identisch sind. Der mentale Zustand Schmerz ist also ein bestimmter physikalisch-chemischer Zustand des Gehirns oder des gesamten Nervensystems. Jedem Organismus, der Schmerz empfinden kann, muss es deshalb möglich sein in diesen spezifischen neuronalen Zustand zu gelangen, dies gilt für Menschen, andere Säugetiere oder auch weiter entfernte Tiere wie Mollusken, sowie für jedes theoretisch denkbare außerirdische Leben. Da die Gehirne bzw. Nervensysteme der verschiedenen Organismen so unterschiedlich sind, ist es ist schwer vorstellbar, dass sie sich jeweils im selben Zustand befinden, wenn Schmerz empfunden wird. Wenn es aber verschiedene Gehirnzustände für den mentalen Zustand Schmerz gibt, kann Schmerz nicht identisch mit einem dieser Zustände sein. Das Gegenargument, den mentalen Zustand Schmerz als Disjunktion der verschiedenen Gehirnzustände der unterschiedlichen Organismen zu betrachten, weist Putnam als nicht ernstzunehmend zurück.
Des Weiteren gilt das vorgebrachte Argument gegen die Identitätstheorie für jeden anderen psychischen Zustand, dessen unterschiedliche physikalisch-chemische Repräsentation in verschiedenen Organismen man leichter nachweisen kann, wie z.B. “hungrig”. Außerdem dürfte für Wesen, die einen bestimmten mentalen Zustand gar nicht besitzen, z.B. keinen Schmerz empfinden, der entsprechende Gehirnzustand auch nicht erreichbar sein.

Für plausibler und der mathematischen und empirischen Forschung zugänglicher hält Putnam die Definition von Schmerz als funktionalen Zustand. Ein funktionaler Zustand reagiert auf einen bestimmten Input mit einem bestimmten Output und wechselt in einen anderen funktionalen Zustand. Der funktionale Zustand Schmerz würde z.B. durch den Input extremen Drucks oder Temperatur erreicht und dient dem Schutz des Organismus, da dieser Zustand als sehr negativ bewertet und somit zu vermeiden versucht wird.
Diese Betrachtung von mentalen Zuständen hat mehrere Vorteile:
Sie “mechanisiert” zwar die psychischen Prozesse, indem sie als Zustände eines probabilistischen Automaten betrachtet werden, der durch bestimmte Inputs und Übergangswahrscheinlichkeiten seine Zustände ändert, lässt dabei allerdings die physische Realisierung offen. Sie könnte sowohl biologisch, technisch als auch durch eine “Seele” erfolgen. Damit ist der Funktionalismus mit dem Dualismus kompatibel.
Man kann empirisch feststellen, dass alle Lebewesen, die sich in einem bestimmten Zustand befinden z.B. “hungrig”, sich auf eine bestimmte Weise verhalten z.B. “Sättigung suchen”. Durch diese Betrachtung des Verhaltens kommen wir überhaupt erst dazu, den psychischen Zustand eines Lebewesens zu erkennen. Also muss dieses Lebewesen, das verschiedene Zustände erreichen kann und sich je nach Zustand entsprechend verhält ” eine gewisse grobe Art funktionaler Organisation haben”. Damit könnten sich psychologische Gesetze spezies-unabhängig festlegen lassen.
Die Identifikation von mentalen Zuständen mit funktionalen Zuständen lässt also zu, sinnvolle psychologische Gesetze aufzustellen, erklärt warum ein Organismus sich in einem bestimmten Zustand auf eine bestimmte Weise verhält und schließt, wie auch die Identitätstheorie, Fragen aus, die auftauchen würden, wenn man sie lediglich als Verhaltensdisposition ansieht, ist aber gleichzeitig plausibler.

Nach der Theorie des Funktionalismus ist, wie gesagt, die physische Realisierung des Probabilistischen Automaten offen gelassen. Man könnte also eine Maschine konstruieren, die genau wie ein Mensch, den funktionalen Zustand Schmerz erreichen kann, ihn zum gleichen Zweck, nämlich Schutz, benötigt und auf diesen reagiert. Sie bewertet ihn als sehr negativ, versucht ihn zu vermeiden, so lange keine höheren Ziele sein Erreichen notwendig machen – aber empfindet sie auch wirklich Schmerz? Die Theorie erfasst also nicht alle Charakteristika von mentalen Zuständen, da sie das Erleben von z.B. Schmerz, die Qualia, nicht berücksichtigt.
Außerdem scheint Putnams Argument der multiplen Realisierung von mentalen Zuständen durch verschiedene Gehirnzustände nicht ganz schlüssig, da er erstens den Einwand der Betrachtung eines mentalen Zustandes als Disjunktion der verschiedenen Gehirnzustände ohne Begründung verwirft und zweitens nicht daran denkt den Zustand Schmerz zu differenzieren. Es gibt verschiedene Arten von Schmerzen und somit auch einen anderen Gehirnzustand für jede andere Art von Schmerz. Eine Molluske, ein Reptil und ein Mensch nehmen die Welt vollkommen verschieden wahr, sie sehen anders, hören anders und haben sicherlich auch andere Schmerzen und können somit auch andere Gehirne und Gehirnzustände für die jeweils unterschiedlichen Schmerzen besitzen. Die Antwort auf die Frage “Ist Schmerz ein Gehirnzustand?” könnte man dann versuchen folgendermaßen zu beantworten: Ein bestimmter Schmerz einer Spezies oder vielleicht besser eines Individuums ist ein Gehirnzustand. Spezies-unabhängig ist die Identitätstheorie selbstverständlich nicht haltbar.

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